Gedanken zum Film
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Spoiler Alarm.
Einige Textpassagen sind nur verständlich nachdem der Film geschaut wurde.
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Im 2023 Oskar nominierten Film TÁR sind verschiedene Geschichten kunstvoll zu einem Bild verflochten.
Das Bild zeigt, wie eine Dirigentin an Mahlers Symphonie Nr. 5 scheitert und ihre Reputation und Anstellung verliert.
TAR kann, als Anagram, verschieden gelesen werden. Als Teer, Kunst oder Ratte. Die ‚Ratte‘ und die ‚5‘ erinnern an Dr. Faust.
Es ist die mitutiös aufgedröselte Geschichte eines Falls, wie er üblicherweise geschiet, durch das Fehlen der (bedingungslosen) Liebe, weil sie vom Egoismus zu eigenen Zwecken umgebogen wurde.
In einer TARkovskyesken Szene folgt TAR einem sirenenhaften Gesang in die Unterwelt und begegnet dort ihrem ‚Hüter der Schwelle‘, Cerberus. Er knurrt und ist nicht friedlich, wie der Hund mit den Anubis-Ohren in ‚Stalker‘.
Die Unterwelt spuckt TÁR wieder aus, wobei sie den ‚Shape‘ der linken Gesichtshälfte verliert und den Takt über ihre Selbstbestimmung, durch eine Entzündung in der rechten Schulter. Im Talk zu Beginn des Filmes erklärt TÁR die Funktion der beiden Arme beim dirigieren.
Schlussendlich lernt sie die Lektion und erbricht das Gift des ‚vergifteten Apfels‘, ausgelöst durch einen warnenden Blick der ‚5‘ aus der ‚fish bowl‘ und hebt dann mit der ‚fünften Flotte‘ in die neue Welt ab.
Roman à clef
Die Novelle ‚Challenge‘ von Vita Sackville-West wird als ‚Roman à clef‘ bezeichnet. Somit sind Personen darin real existierend, wurden jedoch mit anderen Namen versehen. Eine einfache Form der Verschlüsselung. Dieser Roman verarbeitet eine Beziehung von Vita zu Violet (Grosstante von Queen Camilla). Gleichzeitig schwingt da noch Vitas Beziehung zu Viginia Woolf mit. Lydia als Vita? In umgedrehtem Sinne da Vita in der Novelle Julian ist? Oder gibt es Bezug zu ihrem Mentor Bernstein?
Das Buch wird im Film anonym abgegeben, doch vor der Szene, in der das Buch auftaucht, ist wieder die Frau mit den roten Haaren von hinten zu sehen. (Francesca eilt im Regen über die Strasse, rechts ein Auto mit Kennzeichen ‚Listen‘). Es ist Krista Taylor. In einer späteren Szene wird Krista in einem online Zeitungsartikel als ‚MT Kisco native‘ bezeichnet. Kisco wird ethymologisch auf ‚Schlamm‘ zurückgeführt. Als dies wird auch Violet in ‚Challenge‘ bezeichnet.
In derselben Szene wird Francesca von Lydia abgewimmelt und am andern Tag erstaunt sich Sharon über die rote Tasche, die kurz nach dem ‚Talk‘ noch einer Bewunderin von Lydia gehört hatte (‚can i text you?‘, was sie offensichtlich an diesem Abend noch getan hat).
Kurz nach dem ‚Talk‘, also sehr dicht, wird die ganze Konstellation dargestellt, in die sich TÁR manövriert hat. Sie verletzt exemplarisch drei (auch Eliot wird abgewatscht) der Stützen, auf welchen ihre Existenz ruht, die später in der Geschichte dann ganz wegbrechen werden.
Der Suizid, der kurz nach dieser Szene Krista vollzieht (verzweifeltes E-Mail am anderen Morgen, erste ‚halluzinierte Stimme‘ bei Radioansage), wird das endgültige Aus für TÁR bedeuten. Denn Krista ist Tochter eines Citybank Direktors, eines Geldgebers für TÁRs Stiftung ‚Accordion‘. Es ist der ‚grössere Fisch‘.
Hüter der Schwelle
Anubis wird in ägyptischen Abbildungen an einer Waage stehend abgebildet. Auf der Waage ist ein Herz, das gegen eine Feder aufgewogen wird.
In der griechischen Mythologie ist es Cerberus und in Deutschland wiederum eine Waage, mit welcher die 7 Tugenden geprüft werden.
Das sind keine Urteile die jemand ausspricht. Es wird so mythologisch dargestellt, wie weit das Bewusstsein eines Menschen gereift ist. Das bestimmt zum grossen Teil das betreffende menschliche Individuum selbst. Zur Erinnerung: Timaois sagt, “ ‚Die Welt der Ideen‘ kann nicht mit den Sinnen betreten werden, sondern nur im Geist.“ Genauer übersetzt heisst es: „Gott kann nur im Geist erschaut – und nicht mit den Sinnen erfahren werden.“ Doch der Begriff „Gott“ ist so beliebig geworden, dass er, dank den narzisstischen ‚Predigern‘, besser vermieden werden sollte.
Wenn also ein Künstler nach der ‚göttlichen Musik‘ oder grad nach ‚Gott‘ selbst greift, sollte er sich seiner Begierden entledigt haben. Falls nicht, siehe TÁR, Faust, usf.
Das ist die Lektion, die Essenz, die aus dieser exemplarischen Geschichte gezogen werden kann.
Ironie
Die überaus weibliche, selbstbewusste, heterosexuelle russische Cellospielerin ‚Olga‘ spielt das Spiel von Lydia nicht mit. Sie lässt sich nicht einwickeln.
Eine sich selbst als ‚U-Haul Lesbian‘ bezeichnende, macht einen sich selbst als ‚BIPOC‘ (black indigen people of color) und ‚Pangender‘ bezeichnender Student zur Schnecke.
Es geht in dieser Szene um Identifikationen generell, speziell hier zur sexuellen Ausrichtung. Auch da ist Platon in klärendem Sinne zur Stelle. Im Reich der ‚befreiten Seelen‘ gibt es keine Geschlechtlichkeit mehr.
Dort gibt es keine Abgrenzungen mehr. Dies Reich der Seelen kann nur in einem besonderen Bewusstsein erreicht werden, das die Dominanz des Egoismus zugunsten eines Bewusstseines der Einheit im Ursprung auflöst.
Kein herumschnipseln am biologischen Körper, weder Homosexualität noch Heterosexualität und keine Tantrische noch Taoistische Sexualpraxis öffnet die Türen zu diesem Bewusstsein. Auch das verdammen oder Unterdrücken der Sexualität führt nicht dahin.
Doch der Bewusstseinszustand der befreiten Seelen ist verpönt in dieser Welt. Platonische Liebe wird belächelt und nicht ernst genommen.
Dies ist weiter nicht tragisch, das gehört zum ‚Leben‘, doch es ist der Ursprung der Tragödie ‚Zwischenmenschliche Beziehungen‘.
Leonard Bernstein komponierte Serenade, after Plato’s Symposium.
Im ‚Symposion‘ lässt Platon Sokrates die Herkunft von Eros erzählen. Er wurde gezeugt am Geburtsfest von Aphrodite, seine Mutter ist ‚Armut‘ und sein Vater ‚Reichtum‘
Also sagt Diotima: ‚Welches also sind denn die Weisheitssuchenden, wenn nicht die Weisen und die Toren?‘ […]
‚Die zwischen diesen beiden, deren auch Eros einer ist. Die Weisheit gehört nämlich zu den schönsten Dingen, Eros aber ist Liebe zum Schönen, so dass Eros notwendig weisheitssuchend ist, weisheitssuchend aber ist er mitten zwischen weise und törricht.‘
Icaro kavvanah teshuvah no(s)talgia
Obwohl sich Lydia der Praxis des ‚Icaro‘ bewusst ist und ‚Kavvanah‘ als Geschenk Ihres Meisters Bernstein betrachtet, ist sie blockiert und hat selbst Mühe zu komponieren. Mit diesen beiden Begriffen wird auf die Inspiration hingedeutet. Und genau da liegt auch eine mögliche Diskrepanz von der Schönheit eines Werkes und der Tragödie des Lebens des es erschaffenden Individuums.
‚Icaro‘ ist ein schamanischer Heilgesang und ‚Kavvannah‘ die ‚Hingabe‘ und ‚Aufrichtigkeit des Herzens‘ im Gebet. Die Lösung wär so nah, sie hat sie selbst auf der Zunge.
‚Icaro‘ beschreibt den ‚Empfang‘ eines Liedes im Moment, wenn ‚Geist‘ und ‚Körper‘ eine Einheit bilden, wie zwei Seiten der ‚kosmischen Münze‘. Dann entsteht das Werk. Was danach mit dem Künstler geschieht ist meistens das wieder suchen dieses Momentes oder eben die Substitution dessen durch verschiedene ‚Such’tmittel.
Doch sie ist, wie viele inspirierten Künstler im knallharten Alltag in einer unmöglichen Situation. Zuviele sich widersprechende Ansprüche können nicht oder nur mit ausserordentlichem Geschick gleichzeitig bedient werden.
Der nahezu einzige Ausweg aus einer solchen Situation ist Demut und Dankbarkeit allen Beteiligten gegenüber. Das ist zwar eine recht langweilige Sache, doch es lohnt sich. demütig und dankbar aus der ‚bedingungslosen Liebe‘ zu sein.
‚Liebe hat 60 Namen‘, sagen die darauf spezialisierten im arabischen Sprachraum. Bei den alten Griechen sinds 3: Eros, Philia, Agape. Begehren, Freundschaft und eben, die ‚Bedingungslose Liebe‘. Lydia hat diese Liebe nicht, auch nicht die Demut und nicht die Dankbarkeit. Darum steitert sie und darum gibt es diesen Film.
Für Menschen die diese bedingungslose Liebe nicht kennen ist sie schlicht unbegreiflich, langweilig und dumm.
Doch es ist etwas, das aus dem Innern kommt. Es ist eine Flamme im Herzen. Es ist ein Licht im Innern. Es erleuchtet das Denken wie die Seele, also das Bewusstsein. Sie ist die Essenz allen Ringens und Kämpfens. Die Suche und alle Kämpfe sind vorüber, wenn das kleine Licht im Innern entdeckt wird.
Sie gibt ein grosses Verständnis für alle Kreaturen. Der Alltag bleibt, der sich vorallem ums Essen, Wohnen und Vermehren der Familie dreht. Doch er ist erfüllt. Diese Liebe kann nicht gekauft, erzwungen, erwartet oder erschlichen werden. Es kann niemand diese Liebe für einen anderen Menschen entfachen.
Keine Mäntel, Roben, Perrücken, Hüte, Schleier können sie vortäuschen. Keine Moraltheologie kann sie garantieren.
Nach unzähligen Fehltritten und tölpelhaftem Verhalten kann sie einfach irgendwann da sein. Quasi als letztmögliche Erkenntnis.
Sie zähmt die Hüter der Schwelle, wie auch immer in welchem kulturellen Kontext sie heissen. Denn sie sind das Produkt des eigenen Unverstandes.
‚Teshuva‘ bedeutet Reue über vergangene Taten. Lydia meint sie könne diese durch Liebe ersetzen … sie sagt ‚Liebe‘ doch meint ‚Eros‘, ‚Begehren‘. Agape könnte die Reue tatsächlich ersetzen, doch da ist Lydia noch sehr weit davon entfernt. Die Folge davon ist ‚No(s)talgia Parantesis‘, Schmerz im Rücken … das was hinter ihr ist, mitunter nostalgisch wahrgenommen. Ein geniales kleines Wortspiel im Film.
Doch die Liebe hat kein Objekt oder Subjekt, sie ist immer da.
Schlussfolgerung
Todd Field entlässt die losen Fäden, aus denen die Geschichte entstand, wieder in Freiheit. Das labyrinthartige Shipibo Muster löst sich auf. Es werden neue Verwebungen entstehen. Bis irgendwann einmal der gereichte, ‚rote Faden‘ der Ariadne ergriffen wird.
Die Lösung ist immer ganz nah. Sie liegt im überaus schwierig zu lösenden Koan: ‚Liebe deine Feinde‘.