星期日早上

«Do you know Bliss»?, fragte ich. «Ignorance» kam die Antwort von meiner kalifornischen Freundin. Ihre Muttersprache ist Ivrit, meine ist Deutsch. Ich weiss nicht was ich mit der Antwort anfangen soll. Manchmal sagt sie unerwartetes. Hat sie es nicht verstanden oder will sie das Geschriebene erweitern oder mit anderen Themen verknüpfen? Ich bin nicht besser. Unsere Chats beginnen oft mit zufälligen Messages. Aus dem Moment heraus entwickelt sich dann das Thema. Was uns beschäftigt kondensiert an einem akausal eingeworfenen Wort, einer Bemerkung. Wir unterhalten uns jeweils auf Englisch. Wie bei den «Engeln» ist unsere Liebe rein platonisch.
In der Vorstellung wirkt sie auf mich wie aus frei schwebenden Salzkörnchen gebildet. Jedes dieser Körnchen leuchtet hell und ich stelle mir vor, sie brennen ein bisschen. Sie lebt in meiner Vergangenheit. Das ist auch oft eines unserer Themen. Kalifornien ist dort wo China im Westen liegt. Wir chatten gleichzeitig doch auf den kalifornischen Servern wird ihr chatlog Samstag 23 Uhr anzeigen, meiner Sonntag 8 Uhr. Manchmal albern wir nur rum. Da sagte sie einmal: «I push you tenderly away». Ich liebte die Vorstellung wie sie das tut, an einem Palmenstrand vielleicht und im Sonnenuntergang. Es war für mich erlebbar und in meiner Erinnerung spüre ich noch den leichten Stoss. Wir chatten nur miteinander. Keine gesprochene Sprache. Sie könnte also auch ein Mann sein. Obwohl ich das mittlerweile aus schliesse. Dieses wegschubsen hat mich überzeugt. Es machte mich glücklich für einen Moment. Die Weise wie wir miteinander sprechen erinnert mich an Platons Reich der glückseligen. Aufgegangen in der Einheit des Bewusstseins. Komplett losgelöst von der bipolaren Wirklichkeit unserer Alltäglichkeit, der Welt des Streites.
Sie ist in Jerusalem aufgewachsen. Es erfüllt mich mit Ehrfurcht. So eine alte Stadt. Durch sie erfahre ich etwas von diesem «Jerusalem Spirit», diesem «Bliss».

«I am still sleepy», sagte ich und sie «i won’t stay here for long, my battery is almost empty and the charger downstairs and i’m laying already in bed.» «We chat till the battery die.» «Yes :)»

Letzthin spotteten wir über David Icke und seinen Reptilien-Wahn. Meine liebe Freundin passt in Ickes Definition eines «Reptils». Welche Seelenverkrampfung diesen Menschen dazu treibt solches zu behaupten ist mir unbekannt.

Es gibt ein paar verschiedene Verschwörungs-Paranoia Strömungen. Eine kommt von fanatisch gläubigen Römischen-Katholiken, die die Freimaurer und Illuminaten als das Böse der Welt bekämpfen, weil sie vermeintlich durch deren Bestrebungen, die Renaissance, Reformation und Aufklärung («Age of enlightement») ihre vermeintliche Macht über die Seelen unzähliger Menschen verloren hätten. Eine andere Strömung sind allgemeine fundamentale Strömungen jeglicher Religion, die in dem Irrtum leben, nur Sie alleine sind auserkoren. Dann noch politisch aktive Fanatiker, gezielte Desinformation («fake news») und gewisse «Pagan», Naturreligionen, die oft noch Verstand und Vernunft mit THC vernebeln. Es gibt auch alle Kombinationsmöglichkeiten. Ich kenne einen THC Konsumenten der rechtsradikal und fundamental Evangelisch ist. Die Leute des «Glaubens» – oder sagen wir besser der Meinungen, Vermutungen und Behauptungen, bekämpfen sich gerne gegenseitig. Ein sicheres Indiz für die Abwesenheit der Glückseligkeit. Doch wenn es darum geht den Verstand zu bekämpfen machen diese Strömungen der Angst und im Dienste der Paranoia, gerne gemeinsame Sache und bedienen sich gegenseitig an ihrem Fundus von Absurditäten.

Wie neulich, als vor 82 Jahren die Europäische Welt in den WW2 gezerrt wurde durch solch einen Fanatiker, dessen einzige «edle und erhabene Kulturleistung» war, Millionen von deutschen Männern enthusiastisch eines qualvollen Todes sterben zu lassen und jene Frauen im Osten Deutschlands, die den Krieg überlebten, von den wütend gewordenen Russen überfallen wurden. Einen Menschvernichtungswahn angezettelt durch Psychopaten. Und diesmal nur die Verbrechen am Deutschen Volk der «Dichtenden und Denkenden» betrachtend.

Das war (und ist es auch heute noch) «unter-tierisches» Verhalten hinter dem Deckmantel des «über-menschlichen».

Niemand will das. Warum lassen sich Menschen immer wieder gegeneinander aufhetzen?

Paranoia (altgriechisch, aus parà „wider“ und noûs „Verstand“; wörtlich etwa „wider den Verstand, verrückt, wahnsinnig“) verhindert Metanoia (von νοεῖν noein, „denken“ und μετά meta, „um“ oder „nach“ „Umdenken, Sinnesänderung, Umkehr des Denkens“). Definitionen aus Wikipedia.

Wo Paranoia also gegen den Verstand rebelliert meint «Metanoia» die «Tranformation» des Verstandes. Religionen sprechen natürlich von Bekehrung zu «Ihrem Gott» oder ihrem «Begriff von Gott». Doch das ist bereits eine Umdeutung und Interpretation. «Metanoia» bedeutet, dass sich der Verstand verwandelt und erweitert und dadurch etwas mehr erkannt werden kann.

Paranoia verhindert also Metanoia …

Verstand und sich verstehen ist eine grosse Sache.

Meine momentane Frage ist nicht mehr welche Sprache ich noch verstehen, das heisst, lernen will, sondern welche schlicht notwendig zu lernen ist. Stell Dir vor, eines Tages sagen Chipproduzenten: «wir schreiben unsere Computer-Chips nicht mehr auf Englisch an, mit lateinischen Buchstaben und arabischen Zahlen, sondern packen unsere Kreuzchen (chinesische Schriftzeichen) drauf». Vielleicht um gegenüber den Amerikanern Macht zu demonstrieren.

Als ich das nun schrieb kam mir in Erinnerung, dass dies ja schon der Fall ist. Eine der grössten Suchmaschinen der Welt ist ausschliesslich in chinesischer Schrift. Es ist Baidu.cn . Als ich die Webseite eines Kunden dort anmelden wollte, sass ich vor dem Computer und suchte verzweifelt den Button mit dem man auf englisch umstellen kann. Ich dachte, vielleicht ist das Wort ‚english‘ in witziger Weise auch in chinesischen Schriftzeichen gemalt … doch es gibt einfach keine englische, in lateinischen Buchstaben gehaltene Version. Was ja auch einleuchtet. Aus dem Versuch, ihn auf Google also ein bisschen hoch zu puschen, falls der Pagerank (wie Googles Algorithmus heisst), merkt, dass er sogar auf baidu drauf ist, wurde nichts.

«Charles Bliss» sagte ich, «der Erfinder der Universalschrift ‚Blissymbols’». Er litt unter der Unfähigkeit verschiedener Völker sich miteinander verständigen zu können weil sie unterschiedliche Sprachen sprechen. Er flüchtete vor den Nazis durch Kontakte nach Shanghai. Dort erkannte er, dass die chinesischen Schriftzeichen durch verschiedene chinesische Dialekte Sprechende unterschiedlich ausgesprochen, jedoch von allen gleich verstanden wurden. So wie Kindergartenschüler auf die Zeichnung eines Hundes zeigen und chièn, Hund, dog, cane oder das entsprechende Wort ihrer Muttersprache sagen.

Die chinesischen Schriftzeichen sind also gewissermassen schon eine Universalschrift.

Sie, wie auch die ägyptischen Hieroglyphen, sind Ideogramme die Grundsätzlich nicht mit der Aussprache verknüpft sind (die ägyptischen Hieroglyphen wurden, gemäss Rosetta Stone, teilweise auch als Buchstaben verwendet).

Anders ist es mit den Schriftzeichen die Laute bezeichnen und nicht Ideen. Die Alphabete sind Buchstabensysteme. Das Griechische, Hebräische, Lateinische, Arabische, Kyrillische, nebst Anderen und auch einige asiatische Alphabete bezeichnen durch ihre Buchstaben Laute. Das bringt es mit sich, dass dieselbe Idee, der selbe Begriff in jeder Sprache anders geschrieben wird. Im japanischen Schriftsystem gibt es nebst den Ideogrammen aus dem chinesischen Schriftsatz noch die Hiragana Zeichen, die eine ganze Silbe statt nur einen Laut beschreiben.

Wo also chinesische Schriftzeichen für einen Begriff stehen und unterschiedlich ausgesprochen werden, sehen die Begriffe in den lautgebundenen Alphabeten unterschiedlich aus. Die Verknüpfung von Buchstaben mit Bildern ist eine anderes Thema.

So wie mit gesprochener Sprache etwas mitgeteilt werden kann, so kann dies auch mit Schrift geschehen. Mitteilungssysteme können ganz verschiedener Art sein. Auch Tanz, Musik, Mathematische Formeln, Klopfzeichen sowie Gesang und Anderes können eine «Ortographie» «Syntax» und «Grammatik» enthalten. Auch Gefühle können unterschiedlich ausgedrückt werden.

«Kain hat Abel ermordet», wird gesagt … Abel hat «geglaubt» und sein «Rauch» wurde angenommen. Abel hütete Schafe. Darum gibt es wohl religiöse Führer die einen Hirtenstab halten.
Die Menschen des Glaubens können den Verstandesmenschen nicht «verstehen». Es ist ihnen unheimlich was die Menschen des Wissens so treiben. Der viel zitierte «Mord» an Abel war kein Mord … er ist mythologisch zu verstehen. Es ist ein psychisches Ereignis. Das «Wissen» überwindet den «Glauben». Hiram Abiff, der Meisterbauer des «Salomonischen Tempels» musste der Tempel-Legende gemäss einen neuen Hammer bei Tubal-Kain, im Erdmittelpunkt holen.
Kain hat Äcker bebaut und Vieh gezüchtet. Abel liess die Schafe alles abfressen und dadurch riesige, sich ständig ausbreitende Wüstengebiete entstehen. Kain verändert seine Umwelt. Er baut Strassen, Staudämme, Wälle gegen das Meer, sät, erntet, züchtet, konstruiert.

Baut der Kain Typus also einen Zaun um seinen Acker, damit die Schafe nicht alles abfressen, wird der Abel-Typus ausgeschlossen und kann womöglich nicht mehr durch das Tal zu den Weiden gelangen.
Kein Wunder lieben sich dies zwei Menschentypen nicht innig. Streit und Missgunst ist Vorprogrammiert. Schlicht und einfach durch die unterschiedliche Art das Essen zu besorgen.

In der aktuellen Zeit ist der Verstand vorherrschend, in nahezu allen Bereichen des Lebens. Das ist unschwer festzustellen. Doch trotz dieser Tendenz sind nicht alle Menschen gleich «gepolt» und werten den Verstand gleich wichtig. Angst, Panik, Liebe sind Gefühle die eher unlogisch – oder eben «psycho-logisch» sind (Psyche ist das griechisch Wort für Seele). Verstand, Logik und Psyche haben unterschiedliche Eigenschaften. Die Psyche wird oftmals als das genaue Gegenteil von Logik wahrgenommen. Missverständnisse entstehen, wenn Logik psychologisch und Gefühle logisch erklärt werden wollen. Das zu tun wird unweigerlich zu Verständigungsproblemen führen. Eine Suppe ist schwer mit einer Rohrzange zu fassen und ein Hochgeschwindigkeitszug wird kaum durch eine Nebelwand gestoppt. Die einen Menschen sind also eher Gefühlsbetont in ihrer Wahrnehmung und ihrem Ausdruck und die Anderen eher verstandesorientiert. Beides ist unterschiedlich aktiv vorhanden. Kunst ist, beides gleichzeitig bewusst wahrzunehmen.

Inzwischen beendete die Batterie den chat.

«Ignorance is a bliss.» sagte sie noch und ich fühlte mich nicht betroffen.