Stalker von Andrei Tarkowsky

Drei Männer machen sich auf den Weg. Ihr Ziel ist ein Raum, in dem die Wünsche in Erfüllung gehen. Allerdings ist der Weg dorthin nicht einfach, denn er führt durch die sogenannte «Zone». Ein launisches, lebendiges Gebiet rund um diesen Raum.

Die Namen der Männer werden nicht genannt. Sie werden nach ihren Berufen bezeichnet. Der Schriftsteller, der Physik Professor und der Stalker. «Stalker» hat, nebst der uns bekannten, eine zusätzliche Bedeutung. Es bedeutet auch «Scout», also «Pfadfinder». Er fühlt sich verpflichtet, immer wieder Menschen, durch die Zone, zu dem Raum zu führen. Er nennt sie die Einsamen, die Hoffnungslosen.

Die Bilder des Filmes sind anfangs monochrom in Sepia. Das ist ein bräunlich getöntes Schwarzweiss, in welchem die Bildinformationen durch den Hell- und Dunkel-Unterschied entstehen. Das erinnert an den Film «The Wizzard of OZ» (1939), der auch umrahmt ist von Sepia und einen farbigen Mittelteil hat. Das Land «over the Rainbow» ist in Technicolor gehalten.

Schwarzweiss oder Hell zu Dunkel mit den verschiedenen Abstufungen ist einer der Bewusstseinszustände in denen wir Leben. Es ist das Reich der Gegensätze die sich wandeln. Es ist das Reich des Gesetzes, der Urteile, der «Irrgarten der Entscheidungen» oder das «Labyrinth der Welt» wie es Comenius nannte. In der Bar, aus welcher die 3 starten, hat es zwei Neonröhren. Die eine blinkt, sie erinnern an Yin und Yang aus dem «I Ging». Es ist die binäre Welt, die bipolare Welt.

Die 3 kämpfen sich erst durch das Labyrinth und brechen im Windschatten eines Transportzugs in die «Zone» ein. Darauf folgt eine lange Fahrt auf einer motorbetriebenen Schienen-Draisine. Schienen erinnern an Leitern.

In der Zone angekommen wird der Film farbig. Sehr dominant ist dabei die grüne Farbe, da alles überwuchert ist.

Der Eintritt in die Zone scheint unspektakulär.

Stalker erzählt von Blumen die man nicht riechen kann, von zertrampelten Blumen und von Blumen im Tal. In dieser Zeit ist der Physiker damit beschäftigt an 3 Bienenwabenförmigen Schraubenmuttern je ein weisses Band, gleichsam den Schweif eines Kometen, anzubringen. Diese drei Kometen werden dann zur Navigation benutzt. Sie werden in eine Richtung geworfen und wenn sie unversehrt landen, folgen die 3 Männer dem Kometen nach … Die drei Schraubenmuttern werden insgesamt 6 Mal geworfen. Siebenmal werfen sie Etwas um zu schauen ob der Weg frei ist, doch einmal werfen sie einen Stein … in den Tunnel …  anstelle der Schrauben. Die Schraubenmutter weist auch auf die 3 Farbschichten des Farbfilmes hin mit welchen die 6 Farben von Newtons Farbkreis gebildet werden, zusätzlich zu Hell und Dunkel.

Was sind die Schrauben, die Blumen? Es ist eine Referenz zum Hohelied der Liebe von Salomon. Es ist dort von zwei Arten von Blumen die Rede einer Art Narzisse, das ist die sechsblättrige Blume und einer Art Rose, das ist die Zwölfblättrige. Wo die Erste farblos ist, hat die Zweite abwechselnd rote und weisse Blätter. Die Zentren der Blütenblätter der sechsblättrigen Blume miteinander verbunden, bilden ein gleichseitiges Sechseck, genau die Form der Schraubenmuttern. Diese Sechsecke wiederum sind die drei tragenden Elemente aus denen der Lebensbaum aufgebaut ist. Mit 3 ineinander greifenden Sechsecken und den 22 Pfaden dazwischen. Wer genau schaut, wird, nebst der Rune Nodiz,  den Baum der Erkenntnis auch in dieser Szene entdecken.

Nachdem sie die ersten Schritte gewagt haben und sich in der Zone fortbewegen können werden nacheinander verschiedene Zitate aus Büchern durch eine Stimme aus dem Off vorgelesen: Hermann Hesse «Das Glasperlenspiel», «TAO the King» von Laotse, zwei Stücke aus dem neuen Testament, das Geschehen zu Emmaus und aus der Offenbarung des Johannes. Zudem taucht ein schwarzer Hund auf, der sehr an Anubis erinnert.

Es ist eine sehr grosse Herausforderung all die kleinen Details und Zusammenhänge zu erforschen. Das ist der Wert dieses Kunstwerkes. So bescheiden und unspektakulär es an der Oberfläche daherkommt, umso gewaltigere Fragen wirft es auf.

Nichts weniger als die Tora, die Kabbalah, der Taoismus, Buddhismus das Christentum, die Ägyptische Mythologie und irgenwo wird der Hellenismus auch noch sein (wo, wenn nicht in einem Dialog über das abstrakte Denken zwischen Schriftsteller und Physiker) … werden raffiniert miteinander verwoben. Tarkovsky ist unser «Stalker».

Es ist eingentlich ein Verrat an den Schöpfern und dem «Magister Ludi» des Werkes, solche Dinge auszuplaudern. Solche Werke sind dazu da, entdeckt und erforscht zu werden und dadurch immer tiefer in die Zusammenhänge der Geistesgeschichte und den «Sinn» des Lebens einzudringen.

Gleichsam wird der Geist dadurch erhoben. Sokrates beschreibt dies so: «Also wäre die höchste Form der Lust diejenige, die der erkennende Teil unserer Seele geniesst, und das Lustvollste Leben hätte der Mensch, in dem dieser Teil die Oberhand hat.» (Platon, Politeia, 9. Buch X).

Ist das getan, ist man all den Fallen ausgewichen und hat den Weg durch die Mitte dieses Tales, «Perceval», genommen, erreicht der neue Stalker, wir Filmschauenden, eben diesen Raum. Der Weg führt vorbei an sieben Leuchtern durch eine enduristische Röhre (genannt meat mincer, Fleischwolf), über die Taufe im Jordan in die Wüste der 3 Versuchungen. Erst in der Wüste ist der Brunnenschacht, in welchen ein Stein geworfen wird. Darauf ertönt daraus heraus, zeitlich viel vorher, nämlich zu Beginn des Zweiten Teils, eine Stimme. Es ist das Hesse Zitat und beantwortet die Frage, die der Schriftsteller in der Wüste (nach der Szene im «meat mincer» …) hat, folgendermassen:

«Was du Leidenschaft nennst, ist nicht Seelenkraft, sondern Reibung zwischen Seele und Aussenwelt..»

Die Protagonisten, der Körper (Physiker), der Geist (Schriftsteller) und die Seele (der Stalker) gehen nicht in den Raum … Doch die Kamera fährt in den Raum, in den honigfarbenen Glanz und nimmt uns zuschauenden mit. Wir sind im Raum und schauen von drinnen nach draussen …

Jede Kameraeinstelllung in dem Film ist ein Kunstwerk für sich. Zusammen mit Fahrten und Abfolgen erweitert um eben die Zeit, die vierte Dimension, die erst Mitte des 19. Jrh. bekannt gemacht wurde.

Die Erzählkunst besteht darin, ähnlich wie im zitierten «Glasperlenspiel» von Hermann Hesse, Elemente aneinander zu reihen. Erst durch die Konstellation der Erzähl-Elemente erfahren betrachtende die Geschichte.

Die Zone entstand durch etwas das als Meteorit benannt wird. Trévrizent beschreibt im Parzifal den Fall des Luzifer. Er reisst ein Stück reinen Gestirns mit sich und das fällt auf die Erde. Der sogenannte Himmelsstein oder Lapis ex coelis oder Lapis Excillis. Das ist eine Ansicht des Grals.

Eine Andere Ansicht ist der Raum selbst, der Kubus mit den sechs räumlichen Ausdehnungen, der in ein Sechseck gezeichnet werden kann. Der Kubus der aufgefaltet ein Kreuz bildet … Das Geheimnis des Kubus ist sein Mittelpunkt. Der Mittelpunkt ist nicht Schnittpunkt sondern Ausganspunkt der Zeiträumlichen Ordnung. Im Mittelpunkt, der physikalisch nicht auszumachen ist, liegt der Durchgang. Daraus strömt gleichsam ein goldenes Licht hervor.

Ganz am Schluss des Filmes sieht man die 4. Wand im Schlafzimmer des Stalker … es ist eine Wand voller Bücher … der scheinbar einfältige, naive Diener ist in Wirklichkeit äusserst belesen … Man erinnert sich an den «Diener Leo» aus Hesses «Morgenlandfahrt».

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