Konfliktfrei durch den Alltag

Die Kunst, konfliktfrei durch den Alltag zu gelangen und so die Seele frei zu halten für das Wesentliche, besteht nicht in erster Linie darin, Konflikte zu vermeiden. Es ist schlicht unvorhersehbar, wie und wann Konflikte entstehen. In einer vergangen Zeit, als Menschen noch näher zusammenlebten, war dies womöglich einfacher. Mit der fortschreitenden Individualisierung und den sich gegenseitig durchdringenden Kulturen und Wertebegriffen, können sich sogenannte «Selbstverständlichkeiten» in nichts auflösen. Dies ist ein wesentlicher Grund für Konflikte in unserer Zeit.

So kann jede neue Begegnung zu einer Herausforderung werden. Zu denken, die Menschheit sei eine friedliche Familie, kann zu Enttäuschungen führen. Wie in allen Familien kann es zu Streit und unüberbrückbaren Zerwürfnissen kommen. Auch in Familien oder Gemeinschaften, wo man sich vermeintlich «gut kennt» ist das nicht selten der Fall. Menschen sollen sich doch frei entwickeln können und nicht im Zwang der gesellschaftlichen Normen verkümmern. Es ist wichtig, dass Menschen ihre anerzogenen Wertebegriffe überprüfen dürfen. Geschieht das, kann es zu Konflikten kommen.

Konflikte entstehen aus unerfüllten Erwartungen. Wobei es dem Konflikt egal ist, ob die eigenen oder die Erwartungen anderer nicht erfüllt wurden.

Jede Begegnung von Menschen hat eine eigene Dynamik, Geschichte und Konstellation. Jede hat ein eigenes elastisches Kräfteverhältnis von Erwartungen. Wobei Erwartungen verschieden stark sein können wie in Form von «Hoffnung», «Anspruch» oder «Selbstverständlichkeit».

Wird die Hoffnung nicht erfüllt, ist es eine Enttäuschung, wird der Anspruch nicht erfüllt kann sogar Wut entstehen, wird eine Selbstverständlichkeit nicht erfüllt, kann der Konflikt schnell zu einem Skandal werden.

In einem Konfliktfall ist es also vorteilhaft als erstes seine eigenen Erwartungen, Ansprüche und sein Verständnis von Selbstverständlichkeit zu überprüfen. Es ist nicht in erster Linie die Aufgabe andere zu verstehen und es ist keinesfalls unsere Aufgabe andere zu ändern. Denn das werden sie von selbst tun, wenn sie ein vorgelebtes Vorbild erkennen in einem Menschen der «TAO» handhaben kann …

Wichtig in dieser Betrachtung ist der Moment, in dem jemand nicht das tut, was erwartet wird.

Was zeigt in einem solchen Moment die eigene Beobachtung der eigenen Befindlichkeiten … fühle ich Enttäuschung, Wut oder Empörung?

Eine weitere Überlegung ist:

  • Ist es eine «Hoffnung» meinerseits, dass die Person das tut, was ich erwarte?
  • Habe ich einen «Anspruch» darauf, dass sie das tut was ich erwarte?
  • Handelt es sich um eine «Selbstverständlichkeit»?

Weiter:

  • Warum handelt diese Person nicht wie ich es erwarte?

Diese Frage kann vermutlich nicht beantwortet werden. Sonst gäbe es ja keine Enttäuschung. Sie kann auch getrost offen gelassen werden, denn in der weiteren Entwicklung der Geschichte dieser Begegnung wird sich das aufklären oder nicht.

Bin ich mit meinen eigenen Erwartungen im Reinen und kann diese auch formulieren, wird die Lösung des Konfliktes im Grunde eine einfache Sache. Wären nicht die meisten Konflikte gewollt und entspringen der Selbstbehauptung.

Die Selbstbehauptung macht Konfliktlösungen verständlicherweise etwas schwieriger. Besonders dann, wenn eine Partei gar kein Interesse daran hat, den Konflikt zu lösen, sondern gewollt eine andere Person oder Organisation angreift und zu destabilisieren versucht, um sie entweder zu übernehmen, zu vernichten oder zu zwingen das zu tun, was sie erwartet (fordert, vermeintlichen oder berechtigten Anspruch darauf hat oder auf Selbstverständlichkeit pocht).

Das ist das bekannte, übliche Spiel, das in der «Welt der Gegensätze» abläuft.

Um die Struktur eines solchen Konfliktes zu erkennen, kann einfach der Selbstbehauptung gefolgt werden. Dann wird schnell ersichtlich, worum es eigentlich geht. Die Frage ist dann: will ich die Forderung erfüllen oder kann ich den Angriff abwehren? Auch hier gilt es, einen kühlen Kopf zu bewahren.

In solchen Situationen ist die Reaktion auf einen Angriff entscheidend. Denn, da wir ja den Angriff nicht verhindern können, weil der Streitpunkt in diesem Fall nicht unser Problem ist, ist unsere Reaktion darauf das einzige was wir bestimmen können. Bewegen wir uns dann auch auf dem Niveau der Selbstbehauptung, dann wird irgendwer gewinnen, verlieren oder ein Kompromiss wird ausgehandelt.

In solchen Situationen, denke ich, beweist es sich doch, selbstkritisch betrachtet, wie ernst es mir mit dem Weg ist und wieviel ich in meiner Seele an Erkenntnis schon verwirklicht habe. Das ist Alltag und da muss man durch.

Die Frage ist nur … wie …

Sind wir fähig nach unseren Erkenntnissen zu handeln? Sind wir fähig, unseren Durst nach Gerechtigkeit auch durch gerechtes Handeln zu stillen?

Doch: Was ist Gerechtigkeit? Was ist gerechtes Handeln? Platon schrieb ein gewichtiges Werk darüber mit dem Titel POLITEION (In deutscher Sprache hat es den Titel «Der Staat») und vermerkte an einer anderen Stelle in seinem Gesamtwerk: «Es ist besser Ungerechtigkeit zu erdulden als ungerecht zu handeln.» Das Gerechtigkeitsempfinden ist also keine einfache Sache und schon darüber allein kann man ein Leben lang meditieren.

Im Tao Te King, Vers 32, je nach Übersetzung, schrieb Lao-Tse über TAO: «Wenn Prinzen und Könige es handhaben könnten, … würde das Volk ohne Befehle von selbst zur Harmonie gelangen». Es ist also nicht von Gesetzen, Absprachen, Strategien, Rechthaben, Strafen und dergleichen die Rede, sondern von dem sagenumwobenen TAO.

Was für die alten Weisen Recht war kann für uns nur billig sein. Es gilt in gleichem Masse für uns bescheidenen Menschen heute, wie für die erhabensten Führer vergangener, legendärer Reiche.

Doch: was ist TAO, dessen Name nicht genannt werden kann?

Die alten Philosophen haben noch andere Begriffe, worüber trefflich meditiert werden kann. Es sei das «Sein» und «Werden» erwähnt. Das «Sein» ruht in sich selbst und das «Werden» ist in rastloser Bewegung. Das «Sein» ist das Erkennbare und das «Werden» ist die sinnlich erfassbare Welt. Das Erkennbare kann nur im Geiste geschaut werden und ist die innere Struktur der sinnlich erfassbaren, werdenden Welt.

Die Kunst der Alten, die TAO handhaben konnten, war also, obwohl sie in der sinnlich erfahrbaren Welt, also in der werdenden und vergehenden materiellen Welt anwesend waren, hatten sie doch im Geiste das Bewusstsein des «Seins». Das «Sein» und das «Werden» waren also in ihnen «verheiratet».

Und diese Kunst kann erlernt werden. Es ist gewissermassen der «Pfad», in anderen Worten, die «Alchimische Hochzeit».
Der Verlust des Bewusstseins des «Seins», also von «TAO» oder der «Erkenntnis der Einheit im Ursprung», führt zur Selbstbehauptung.

Darum ist die Selbstbehauptung im Grund nichts Weiteres als eine Verzweiflungstat. Selbstbehauptung aus der Verzweiflung heraus, die alles erfüllende Weisheit verloren zu haben.

Nach diesem Verlust gibt es ja nur noch, die einem Labyrinth ähnliche, Welt der «Teilung», des «Abgetrenntseins» des «Werdenden», dargestellt im «Baum der Erkenntnis von Gut und Böse» was heisst: der «Gegensätzlichkeit» oder «Gespaltenheit» oder der «Zerstückelung von Osiris».

Es ist die materielle Hülle aus der sich die Schöpfungskraft zurückgezogen hat. In der jüdischen Mythologie wird von «zimzum» gesprochen und in der indischen Samkhya Philosophie kommt der «Purusha» Begriff nahe.

In einem Labyrinth gibt es viele Nischen, Ecken, Wege, Lichter und Geräusche, abenteuerliche Verheissungen … und … ist es nicht so, wenn man sich selbst in dem Labyrinth beobachtet, denkt man doch: «hinter der nächsten Wand ist es, dort finde ich dann sicher den Weg oder ist das Ziel oder die Erfüllung» und wenn man dort ankommt, ist es nicht dort, sondern es stellt sich als «ein Häufchen Asche» heraus, wie in der Parzivalsaga formuliert.

Auch wenn das Labyrinth auf mehrere Stockwerke verteilt wird … es ändert sich nicht grundlegend.

Es kann sich nur etwas ändern, wenn im Geiste die Struktur des Labyrinthes erkannt wird, durch den Blick auf das «Seiende», auf «TAO». In diesem Moment, der eine wirkliche fundamentale Bewusstseinsumkehr voraussetzt, ist es dann möglich, die Gegensätzlichkeit als Ganzes in ursprünglichem Sinne zu erkennen.

Wenn ihr jetzt denkt, «wenn ich das alles mal verstanden habe, ja dann habe ich die Erfüllung und die Weisheit und TAO und alles wird gut», denkt ihr richtig. Doch … es ist nicht «wenn» und es ist nicht «dann».

Es gibt für alle Taten den richtigen Moment. Es gibt nur einen richtigen Moment und wenn der verpasst ist, dann kommt wieder einer. Doch es ist immer derselbe Moment er ist das «JETZT».

Für die Konfliktbewältigung in der Praxis habe ich mir einige leicht merkbare Anhaltspunkte zusammengestellt:

  • Bin ich mir meiner Erwartungen bewusst?
  • Handle nicht aus Rache, denn Rache ist eine tote Energie.
  • Handle aus bedingungsloser Liebe, also einer Liebe die nichts erwartet, sondern gibt.

Im Grund wäre nur der letzte Punkt nötig.

Mit dem Zitat «Löse alle Schwierigkeiten mit dem Konfliktlosen ’nicht Ich’», wäre sogar alles schon gesagt. Ich nehme an, alle hier kennen dieses Zitat. Auch sind die neun «Seligpreisungen» bekannt, die das «Recht machen der Pfade» sind, die zur prozessmässigen Erlangung TAO’s oder in anderen Worten dem «Königreich der Himmel» führen.

Es kann nicht schaden die Entstehung von Konflikten von verschiedenen Seiten aus zu betrachten.

Die Betrachtung der Erwartungen ist in konfusen Situationen sehr dienlich um Klarheit zu bewahren.

Woher kommen unsere Erwartungen? Woher kommen die erweiterten Erwartungen, also die Ansprüche und Selbstverständlichkeiten? Wie weit ist es möglich, nur rein verstandesmässig schon einen Konflikt aufzulösen?

Es ist nicht so einfach, die eigenen Erwartungen an Mitmenschen und an sich selbst zu erkennen. Sind sie vererbt? Sind sie kulturell bedingt? Haben kollektive Bubbles etwas damit zu tun? Was erwarte ich von meinen Kindern? Eltern? Mitarbeitern im Beruf? Was wird von uns erwartet? Decken die Erwartungen die bescheidene Selbsterhaltung oder werden sie in Selbstbehauptung übergriffig? Dies kann nur jeder Mensch für sich selbst beantworten.

Konkret, geht es darum, erstens seine Erwartungen und Sehnsüchte und zweitens, die an uns gestellten Erwartungen, zu erkennen. Werden die Erwartungen dann isoliert, kann man ja mal überprüfen, ob diese berechtigt sind. Als einfaches Beispiel: Kann ich von einer Person erwarten, dass sie mich grüsst? Oder freue ich mich einfach wenn ein Gruss zurück kommt?

Wichtig jedoch ist, sich daran zu erinnern: Die ganze Geschichte mit den «Erwartungen» spielt sich im Rahmen der Dialektik ab, der Welt des «Werdens». Erwartungen können da niemals ganz erfüllt werden. Um Enttäuschungen vorzubeugen, ist es vorteilhaft davon auszugehen.

Wird nun der Versuch unternommen, keine Erwartungen mehr zu haben, kann «TAO» sich nähern. Wenn «TAO» oder das unbewegliche Reich des «Seins» das Herz dann erfüllen kann, fehlt nichts mehr.

Es ist dann erfüllt, was geschrieben steht: «Suchet zuerst das Königreich Gottes und alles andere wird euch zufallen». In diesem Bewusstseinszustand wird es möglich aus bedingungsloser Liebe zu handeln, ohne die Erwartung je etwas zurückzubekommen. In diesem Bewusstseinszustand können die Prüfungen der «Hüterin der Schwelle» bestanden werden, denn die Gewichte werden ausgehalten.

(Es kamen in diesem Text verschiedene Begriffe wie «TAO», «Gnosis», «Königreich Gottes», «Königreich der Himmel», «Hüterin der Schwelle» (diesen Begriff habe ich noch nirgends gelesen sondern bezeichne damit die Jungfrau «Alchimia»), «Verstückelung von Osiris» (ägyptische Mythologie), «Baum der Erkenntnis von Gut und Böse» (Genesis), Parzivalsaga, «Sein» und «Werden» (Platon Timaios) und das «Labyrinth» als Irrgarten (Theseus, griechische Mythologie). Das sind Begriffe aus den verschiedenen Mythologien wie der ägyptischen, griechischen, hebräischen, chinesischen und Anderen. Das ist Absicht und soll Referenzen liefern auf die ihrer Zeit gemässen Mythologien und Kulturen die womöglich einen gemeinsamen Ursprung haben.)