fragte, nach kurzem Stutzen, ein dahereilender ca. 35-jähriger Mann. Etwas perplex antwortete ich mit der kurzmöglichsten Antwort: «Nein». Er sagte etwas von «Mizvah» und eilte weiter. Er hatte eine lange, durchsichtige Plastikfolie in der Hand, eine, die auch andere Personen, kurz vorher, draussen auf der Strasse, dabei hatten. Auch sah ich eine Kippa auf seinem Hinterkopf. Es schien als ob er eine Spende oder Beteiligung suchte.
Ich suchte nach Olivenöl. Vor ziemlich genau zwei Jahren kaufte ich hier eine quadratische Flasche. Nun fand ich dieselbe Sorte nicht mehr. Damals wollte ich einfach etwas jüdisches bei mir haben. Öl, Süssigkeiten mit hebräischen Buchstaben drauf, eingelegte Tomaten – irgendwas. Ich erinnere mich an die gedrückte Stimmung in dem Laden damals, kurz nach dem 7. Oktober 2023.
Ich kann nicht sagen woher meine Affinität zu dem jüdischen Volk kommt. Vielleicht von den Gustav Meyrink Büchern. Vielleicht von den Erzählungen aus dem «Alten Testament», der Torah. Vielleicht von den heimatlosen Zirkusartisten in meiner Verwandtschaft. Vielleicht von meinen jüdischen Freunden. Vielleicht von meinem Vater, der einst aus unbekanntem Grund heraus, violette Davidsterne aus Schafgarbenstängeln zu basteln – und jüdische Hilfsorganisationen zu Unterstützen begann. Vielleicht aus meiner Einbildung.
Heute war die Stimmung im Laden eher ausgelassen, emsig, fröhlich. Ich hatte den Moment für gekommen gehalten, wieder ein Olivenöl zu kaufen und Süssigkeiten, mit hebräischen Buchstaben drauf. Also begab ich mich hierhin. Inzwischen hatte ich einen Ersatz gefunden. Ein Olivenöl aus Galliläa, nahe dem See Genezareth. Beinahe nahm ich erst eine quadratische Flasche vom Regal, doch es war ein siebenarmiger Leuchter darauf abgebildet und auf den Flaschen daneben war «Lamp oil» drauf geschrieben.
Da sich nun schon ein paar Dinge angesammelt hatten, brauchte ich einen Korb. Etwas ungeschickt kippte ich dabei fast die Sachen auf den Boden, weil der Korb zwei Henkel hatte. Man muss beide halten damit er nicht kippt. Ein kleines Mädchen beobachtete das und guckte mich mit grossen Augen an. Etwa so, als ob ich ausserirdisch wäre. Es war in altrosa und dunkelblau gekleidet. Sie trug ein Haarband in demselben Rosa wie ihr Rock. Ich sagte «ups» und entdeckte noch zwei kleinere Schwestern, die genau gleich gekleidet waren. Das erinnerte mich an meine Kindheit als unsere Mutter ihre sechs Kinder, die sie innerhalb von acht Jahren auf die Welt brachte, jeweils auch alle gleich kleidete. Also die Jungen gleich und die Mädchen gleich.
Nachdem ich alle meine Erinnerungsstücke zusammen hatte, zahlte ich und verliess den Laden wieder.
Draussen war emsiges Treiben, es war Freitag kurz vor 14:00 Uhr. Ich erinnerte mich an die Meldung vor etwa zwei Tagen, dass dieses Gebiet rund um die Synagoge auf der anderen Strassenseite, abgesperrt worden war, weil dort jemand antisemitische Parolen gerufen hatte.