Der Tod des Kreuzes

2018 Brasilien

Für umgerechnet 2 Franken steht eine mächtige Kokosnuss auf dem wackeligen Plastik-Tischchen vor mir. Obwohl Palmblätter über mir rauschen und auch eher kleine Nüsse darunter zu erkennen sind, wurden die grünen Nüsse mit dem bekömmlichen Kokoswasser vermutlich von weit aus dem Norden Brasiliens an diesen Strand transportiert. Neben mir trinken Einheimische Dosenbier. Die Nüsse müssen nur zusamengelesen und transportiert werden. Keine Verpackung, keine Abfüllanlage keine Werbung – nichts. Paradiesisch fühlt sich das an, wär nicht der Dieselgeruch der Katamaran Fähre die gleich nebenan vom runden Terminal «Olymp» von Charitas in Richtung Rio de Janeiro losbraust.

Mit den Zehen im äusserst feinen, herrlich weissen Sand wühlend lese ich im Sonnenuntergang in Steven Hawkins Buch «A brief history of time». Ein Buch von 1988. Es wurde also vor 30 Jahren veröffentlicht. Anbetracht der 526 Jahre seit der Entdeckung Amerikas und nach denen ich es auch bis hier hin geschafft habe, bin ich da mit lesen noch früh dran.

Charitas scheint ein Stadtteil von Niteroí zu sein. In Nitroí gibt es das MAC Museum of Contemporary Art. Es ist Kreisrund und gemäss der Aussage des Architekten von einer Blume inspiriert. Mich erinnert die Form des Museums auch an einen Kelch, jedoch an den «Gral». Die Kunst und der «Gral» in Verbindung mit Gegenwart lässt mich erahnen welch tiefsinnige Botschaft von diesem Gebäude ausgeht.

Beim letzten Kapitel angelangt von dem Buch, von dessen Inhalt ich kaum etwas begriffen habe, beginnen meine Gedanken zu kreisen.

Das Universum ist vermutlich ohne Grenzen, also eine Kugel und entstand gemäss einer Theorie aus Blasen. Es gibt wohl verschiedene Zeiträume mit der konstanten Lichtgeschwindigkeit. So revolutionär wie einst Kopernikus die Planeten um die Sonne drapiert hat, büschelt Einstein die Zeit um die Lichtgeschwindigkeit. Ich stelle mir vor wie wir wirbelnd durchs All rasen mit relativen Zeitkonstanten wie alles sich bewegt und zueinander dreht. Bis hinein zu den winzigsten Photonen. Einzig der Verkehr auf den Strassen in Niteroí staut sich so, dass sich nichts mehr bewegt. Mit dem runden Katamaran-Terminal «Olymp» von Oskar Niemeyer wurde vor einem halben Jahr auch ein Tunnel eröffnet das die Gegend hinter dem Berg sozusagen mit der Zivilisation verbindet. Das führt zu Mehrverkehr der direkt auf ein Lichtsignal an einer Kreuzung am Eingang des nächsten Tunnels zufliesst.

Es gibt zwar zwei grosse Kreisel auf dem Weg dazwischen aber die nützen nichts, da der Verkehr an dem Lichtsignal staut.

Je mehr ich über die Kreuzung und die Geraden nachdenke umso unsinniger erscheinen sie mir. Auch die Quadratur des Kreises ist ja ein Witz. Wie kann man nur auf die Idee kommen so etwas vollkommenes wie einen Kreis oder eine Kugel hinunterzubrechen auf die Form eines Quadrates … Mit der Geraden zerschneiden wir den Kreis, zerstückeln ihn gleichsam. Und wenn das geschehen ist wollen wir die Bruchstücke mit der ganzen, ursprünglich perfekten Form wieder zusammenbringen. Es ist verständlich, dass sich da sogar die Mathematik dagegen wehrt.

Verkehrs- und Städteplaner werden sich wohl im Zangengriff von Politik und Wirtschaft täglich den Kopf darüber zerbrechen wie der Verkehr flüssig gehalten werden kann.

Es wird nicht gehen solange wir die Geraden und die Kreuzungen nicht komplett aus der Architektur verbannen.

Vermutlich muss sogar eine neue Geometrie, die grundsätzlich auf dem Kreis und nicht der Geraden aufgebaut ist, entwickelt oder etabliert werden, falls sie schon existiert.

Seit die Römer Jesus am Kreuz verdursten liessen und so brutal ermordet haben, schwebt das Kreuz, wie zwei sich kreuzende Damoklesschwerter über der westlichen Zivilisation.

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